QuickOEM DE · Case Studies

Vom Distributor zur Eigenmarke: Ein Großhändler baut 2026 die eigene Linie auf

Jahrzehntelang hat ein regionaler Großhändler fremde Marken weiterverkauft. 2026 wurde die Wechselfrage ernst: Eigenmarke oder Distributionsgeschäft? Die Antwort war eine Mischung aus Margendruck und Sortimentskontrolle – und sie veränderte die Rolle des Unternehmens.

Das Wichtigste in Kürze · 2026-09-27

  • Handelsmarken im Drogerie- und Apothekenumfeld starten typischerweise bei 1.000 bis 2.500 Stück je SKU, nicht bei 500.
  • Die Handelsspanne einer Eigenmarke liegt im Regelfall über der von Fremdware, aber deutlich unter der eines Markenartikels im Apotheken-Schlussverkauf.
  • Seit 2022 verlangt die Kosmetik-Verordnung (EC) Nr. 1223/2009 für jedes Produkt eine Produktinformationsdatei – auch für die Eigenmarke des Händlers.
  • Eine in der EU ansässige verantwortliche Person ist Pflicht; sie muss eine Überprüfung der Rezeptur und der Absichtserklärung dokumentieren.
  • Für eine halb eigene Formel mit vier Artikeln sind 8.000 bis 20.000 € und drei bis fünf Monate einzuplanen.
  • Eine BDIH- oder NaTrue-Zertifizierung für die Natural-Linie kostet je nach Umfang im drei- bis vierstelligen Euro-Bereich.
1.500
Stück MOQ im Schnitt je SKU (Eigenmarke)
6
Artikel in der Startrange
12
Monate bis zur vollen Sortimentsrolle
2026
Jahr der Eigenmarken-Entscheidung

Ausgangslage: Ein Distributor zwischen Margendruck und Abhängigkeit

Der Großhändler belieferte im deutschsprachigen Raum Drogerien, Baumärkte und einen Apotheken-Betrieb. Die Margen aus dem klassischen Vertrieb standen unter Druck, weil die großen Marken ihre Konditionen nachverhandelten und die Rating-Prüfungen im Handel jedes Jahr schwieriger wurden. Gleichzeitig wuchs das Problem, das niemand im Tagesgeschäft benennt: Der Kunde hat wenig eigene Substanz.

Die Entscheidung 2026 fiel deshalb nicht aus Begeisterung, sondern aus einer nüchternen Bestandsaufnahme. Wer heute nur distribution, besitzt morgen keinen Kundenkontakt mehr – die Handelskette, nicht der Lieferant, entscheidet über Sortiment und Preis. Die Eigenmarke war der Versuch, diese Abhängigkeit zu durchbrechen, ohne das bestehende Geschäft aufzugeben.

Die Gewinnrechnung: Marge, Risiko und Sortimentskontrolle

Die erste Rechnung ist schmerzhaft einfach: Ein Distributor verdient an einer Fremdmarke die Marge, die der Hersteller hergibt. Eine Eigenmarke verdient den vollen Zuschlag, trägt aber auch das Risiko unsverkaufter Restposten. Wer die Rechnung nur auf die Spanne reduziert, stimmt am Ende falsch ab.

Die interessantere Rechnung betrifft die zweite Waffe: Eine Eigenmarke verändert das Verhandlungsumfeld komplett. Der Händler kann im Ranking-Handel nicht mehr nur Preise vergleichen, sondern muss Sortiment und Markenführung mitdenken – genau die Argumente, die im Handel selten bezahlt werden.

Der regulatorische Strang: Pflichten ab Tag eins

Der häufigste Irrtum von Handelsmarken-Sportlern ist die Annahme, die eigene Marke könne leichter sein als eine Fremdmarke. Es ist genau umgekehrt: Wer die Marke besitzt, besitzt auch die Pflichten. In Deutschland sind das immense Themen wie Verantwortliche Person, Produktinformationsdatei und Behördenkommunikation – und sie kosten Zeit, nicht nur Geld.

Ein zweiter Punkt betrifft die Haftung: Eine Apotheke, die eine Eigenmarke führt, trägt die Verantwortung für Beratung und Dokumentation mit. Das ist der Grund, weshalb Apotheken-Eigenmarken meistens konservativer starten als Drogerien – weniger Claims, mehr Dokumentation.

Umsetzung in fünf Phasen

Das Projekt lief über zwölf Monate in fünf Phasen. Jede Phase hatte einen Meilenstein, den der Geschäftsführer selbst abzeichnen musste – ohne diese Kette wäre das Vorhaben an Meinungsverschiedenheiten über die Produktidee gescheitert.

Die vierte Phase hat am meisten Zeit gekostet und am meisten gebracht: die Auswahl des Produktionspartners anhand von Dokumentationslage statt anhand des Stückpreises.

  1. Sortimentsanalyse: welche Kategorien tragen im Bestand, welche Kategorie fehlt im Ranking
  2. Erstkonzept mit zwei Kandidatenkategorien und Zielpreis je Produkt
  3. Angebotsvergleich in Stück statt in Kilogramm, inklusive Prüf- und Meldekosten
  4. Vertrags- und Compliance-Paket: RP, PIF, CPSR, CPNP, Rückrufkonzept
  5. Rollout: erste Charge 1.200 bis 2.000 Stück je SKU, dann Ausweitung auf sechs Artikel

Was nach zwölf Monaten bleibt

Nach einem Jahr hat der Händler sechs Artikel in vier Vertriebskanälen. Der Umsatzanteil der Eigenmarke ist bescheiden, aber die Gesprächsposition ist eine andere: Er verhandelt nicht mehr als Bittsteller, sondern als Marke. Genau dieser Effekt war das eigentliche Projektziel.

Für andere Distributoren ist der transferierbare Teil die Reihenfolge: Spanne zuerst verstehen, dann Pflichten kalkulieren, dann den Partner wählen. Wer mit dem süßesten Angebot beginnt, zahlt am Ende für alle Nacharbeiten.

„Wir haben nicht aufgespört, was gut verläuft. Wir haben aufgespört, was wir künftig selbst verkaufen wollen, und den Rest beiseitegelegt.“

Frequently Asked Questions

Ab welchem MOQ lohnt sich eine Eigenmarke für einen Großhändler?
Praktisch starten Eigenmarken im Drogerie- und Apothekenumfeld bei 1.000 bis 2.500 Stück je SKU. Unter 1.000 Stück bleiben die Prüf- und Meldekosten pro Stück zu hoch. Kalkulieren Sie zusätzlich die Rollen Eigenentwicklung, die zwischen 15.000 und 30.000 € liegen kann, und prüfen Sie, ob die Range im Ranking überhaupt Platz findet.
Muss ein Distributor für die eigene Marke eine verantwortliche Person benennen?
Ja. Nach der Kosmetik-Verordnung (EC) Nr. 1223/2009 muss die verantwortliche Person in der EU ansässig sein, die Rezeptur prüfen und die Absichtserklärung abgeben. Für einen Großhändler heißt das: eine intern benannte, fachlich qualifizierte Person oder ein externes Mandat mit klarer Vertragskette. Ohne diese Benennung ist keine CPNP-Meldung möglich.
Welche Unterlagen braucht eine Handelsmarke für den deutschen Markt?
Produktinformationsdatei für jede Variante, Cosmetic Product Safety Report und die CPNP-Meldung gehören genauso dazu wie die Einhaltung der Etikettierungsvorgaben. Hinzu kommen die Angaben zur betreibenden Stelle, ein Chargensystem mit Rückverfolgbarkeit und für die natürliche Linie eine Zertifizierung wie BDIH oder NaTrue.
Wie hoch sind die ersten Kosten für eine Handelsmarke in Deutschland?
Für eine halb eigene Formel mit drei bis vier Artikeln sind 8.000 bis 20.000 € üblich, für eine vollständige Eigenentwicklung 15.000 bis 30.000 € zuzüglich der Linien von 38.000 bis 88.000 €. Dazu kommen Zertifizierung, Prüfung, Meldung und der Wegfall der Distributor-Rabatte im ersten Jahr.
Ist eine Apotheken-Eigenmarke regulatorisch schwieriger als eine Drogerie-Marke?
In Deutschland dürfen Apotheken eigene Waren führen, tragen dafür aber die Verantwortung für Beratung, Dokumentation und Beratungsqualität. Die Kosmetik-Pflichten aus der Verordnung (EC) Nr. 1223/2009 bleiben identisch. Praktisch heißt das: weniger aggressive Claims, mehr Nachweise, eine ruhigere Etikettierung und mehr Abstimmung mit der fachlichen Leitung.
Wie lange dauert es, bis eine Eigenmarke im Regal liegt?
Von der Sortimentsentscheidung bis zur ersten Charge sind bei halb eigenen Rezepturen drei bis fünf Monate einzuplanen, bei vollständiger Eigenentwicklung sechs bis zwölf Monate. Für Weißlackierung mit vorbereiteter Rezeptur sind zwei bis vier Wochen möglich, wenn Etikett und Meldung parallel laufen.

Eigenmarke realistisch kalkulieren

Wir zeigen Ihnen anhand Ihrer Kategorien, welche Mindestmenge, welche Rezepturstufe und welches Compliance-Paket für Ihre Eigenmarke in Deutschland wirklich nötig sind.

Kalkulation anfordern